Der Frankfurter Theaterskandal 2006Schauspieler Thomas Lawinky gegen Kritiker Gerhard Stadelmaier
Sie haben in Frankfurt Ionescos „Großes Massakerspiel" wörtlich genommen und damit tagelang hitzige Feuilletondebatten ausgelöst: Thomas Lawinky und Gerhard Stadelmaier.
Es hätte ein ganz normaler Tag in Frankfurt am Main sein können, der 16. Februar 2006, wenn, ja wenn da nicht dieser Abend in der Schmidtstraße 12 gewesen wäre, wo auf der experimentellen Bühne des städtischen Theaters die Premiere von Eugène Ionescos „Das große Massakerspiel oder Triumph des Todes“ unter der Regie von Sebastian Hartmann stattgefunden hätte. Doch es gab eben jenen Abend, der letztlich den Theaterskandal des Jahres auslöste. Aber was genau geschah eigentlich? Beschimpfung eines TheaterkritikersNun, zunächst geschah einmal die Inszenierung von Sebastian Hartmann, der mit seinen Ideen das Drama von Ionesco demontierte und in einem Meer von diversen Körperflüssigkeiten und anderem Ekelzeugs inklusive Fäkalsprache untergehen ließ. Und das alles quasi zum Anfassen, denn das Publikum wurde ins Spiel mit einbezogen. Dabei gerieten der Schauspieler Thomas Lawinky und Gerhard Stadelmaier, Theaterkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, heftig aneinander. Lawinky ließ dem Kritiker nämlich einen Stoffschwan, der zuvor unter viel Getöse von einer Scheinschwangeren zur Welt gebracht wurde, mit den Worten „Schreiben Sie, dass das ein schönes Kind ist, schreiben Sie das. Sie sehen doch so klug aus.“ in den Schoß legen. Stadelmaier, selbst nicht auf den Mund gefallen, konterte: „Sie leider nicht.“ Der Schauspieler entriss dem Journalisten prompt dessen Kritikerblock, stürmte damit auf die Bühne, versuchte das Geschriebene vorzulesen, konnte es nicht entziffern und gab ihm die Notizen mit dem Hinweis „Schreib weiter, Junge. Der Abend wird noch furchtbar.“ zurück. Gerhard Stadelmaier verließ daraufhin die Premiere, wobei er von den hämischen Abschiedsworten Lawinkys begleitet wurde: „Hau ab, du Arsch! Verpiss dich! Applaus für den Kritiker!“ Konsequenzen des TheaterskandalsEin Eklat bei der Premiere. Aber wie konnte aus einem Eklat ein Skandal werden? Ganz einfach: Gerhard Stadelmaier schlug mit seiner Waffe zurück – Druckerschwärze. Am nächsten Werktag fand man im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Leitartikel mit der Überschrift „Angriff auf einen Kritiker“, in dem Stadelmaier in eigener Sache schrieb, das Verhalten des Schauspielers anprangerte, von Einschränkung der Pressefreiheit sprach und eine Entschuldigung sowie Konsequenzen forderte. Zudem schrieben er und Feuilletonchef Frank Schirrmacher, der übrigens voll und ganz hinter seinem Redakteur stand, einen Brief an Elisabeth Schweeger, der damaligen Intendantin vom Schauspiel Frankfurt, und Oberbürgermeisterin Claudia Roth, ihres Zeichens Aufsichtsratsvorsitzende der städtischen Bühnen Frankfurt am Main. Es folgten sofortige Maßnahmen, denn der Gastvertrag des Schauspielers wurde im Einvernehmen mit Lawinky umgehend gelöst. Man entschuldigte sich öffentlich, Elisabeth Schweeger kommentierte sogar: „Wir sind an der Grenze dessen, was Regietheater darf.“ Reaktionen der FeuilletonsDoch damit war der Skandal noch lange nicht beendet, denn nun wurde in den Feuilletons der Republik heiß diskutiert. Die Frankfurter Rundschau etwa stellte den Kritiker an den Pranger, unterstellte ihm Selbstverliebtheit, mangelnde Objektivität und Machtmissbrauch. So brachte diese Zeitung dann auch einen großen Artikel über die Umgestaltung des Willy-Brandt-Platzes, wo sich das Hauptgebäude des Theaters befindet. Dieser wurde einen Tag lang nach dem Skandal per Banner in Gerhard-Stadelmaier-Platz mit dem Zusatz „Freund und Förderer der Kunst“ umbenannt. Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung ließ Gerhard Stadelmaier in einem Interview selbst zu Wort kommen, in dem er von Körperverletzung sprach, da ihm sein Block mit Gewalt entrissen wurde und er sich hätte verletzen können. Das wiederum nahm das TV-Theatermagazin Foyer als Anlass, um in einer Sendung spöttisch Kritikerblöcke zu verlosen. Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, indessen beschimpfte Stadelmaier als „Theaterkaputtschreiber“ und bot dem nun arbeitslosen Thomas Lawinky Asyl in seinem Theater an. Andere Theatermacher wie Carl Hegemann, Dramaturg an der Berliner Volksbühne, sahen in dem Eklat eine ganz klare Grenzüberschreitung des Schauspielers. Dieser Meinung schloss sich auch der Deutsche Bühnenverein an, denn schließlich dürfe das Publikum nicht zum Mitmachen gezwungen werden. Selbst die Rechteinhaber des Ionesco-Stückes reagierten auf das Geschehene: Sie schauten sich die Inszenierung selbst an und stellten fest, dass es sich eigentlich nicht mehr um das Werk des Dramatikers handelte. Deshalb musste die Inszenierung von Sebastian Hartmann letztlich sogar umbenannt werden. Lawinky entschuldigt sich bei StadelmaierÜber eine Woche lang beherrschte der Frankfurter Theaterskandal so die Feuilletons. Man diskutierte über das moderne Regietheater, dessen Möglichkeiten und Grenzen. Man debattierte über Theaterkritik und den Berufsethos von Rezensenten. Nur zwei hielten sich während all dieses Trubels dezent zurück: Gerhard Stadelmaier und Thomas Lawinky. Letzterer hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon längst entschuldigt. Doch das Theater um das Theater hatte auch sein Gutes, immerhin wurde endlich wieder hitzig über eine Inszenierung und deren Folgen berichtet. Randale belebt eben überall das Geschäft.
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