Wo man überall Theater spielen kann

Es muss nicht immer nur die traditionelle Bühne sein

31.01.2010 Nicole Korzonnek

Großes Haus, Kleines Haus, Studio - Theater haben ihre festen Spielstätten. Doch auch ein Fahrstuhl oder gar ein ganzes Dorf können zur Bühne umfunktioniert werden.

Traditionelle Bühnen gibt es in Deutschland en masse. Die meisten Theater haben sogar mehrere davon: Während im Großen Haus die populären, publikumswirksamen Stücke gezeigt werden, zeigt man im Kleinen Haus oft zeitgenössische Werke oder ultra-moderne Inszenierungen. Große Theater haben dafür manchmal sogar noch ein Studio, dem sie dann einen außergewöhnlichen Namen geben. Doch egal, wie diese Spielstätten nun auch heißen mögen – sie alle haben eine mehr oder minder traditionelle Bühne, auf der in irgendeiner Form Theater stattfindet. Das ist selbst bei der sogenannten Black Box der Fall, die im Foyer des Schauspiel Frankfurt steht und die eine Art Mini-Theaterkosmos darstellt, in dem es besonders experimentell zugehen soll. Es gibt aber auch Orte, die auf den ersten Blick gar nichts mit der darstellerischen Bühnenkunst zu tun haben, die sich dafür aber ganz wunderbar zweckentfremden lassen.

Theater im Fahrstuhl oder Taxi

Ein besonders beklemmender Ort ist vor ein paar Jahren zum Beispiel dem Thalia Theater Hamburg eingefallen. Im Lastenaufzug verkörperte dort ein Schauspieler den Serienmörder und Kinderschänder Jürgen Bartsch. Das Publikum bestand aus lediglich acht Zuschauern, die in der immer beklemmender werdenden Enge den psychopathischen Monologen ausgeliefert waren. Noch intimer ging es vor drei Jahren in Berlin zu, denn dort übernahmen Schauspieler die Aufgaben eines Taxifahrers. Man konnte das Taxi speziell buchen, wurde zu einem Ort eigener Wahl kutschiert und konnte während der Fahrt dann dem (manchmal improvisierten) Redeschwall des Darstellers lauschen.

Wenn eine Stadt zur Bühne wird

Ebenso intim, wenn auch räumlich wesentlich freier, war eine weitere Idee in Berlin, die nicht nur Touristen anlockte. Vor einiger Zeit schlüpften nämlich Schauspieler in die Rolle von Fremdenführern, die Interessierten ausgewählte Sehenswürdigkeiten und historische Stätten in dramatisierter Form näher brachten. Dieses Konzept hat sich inzwischen in vielen Städten durchgesetzt. So gibt es in Hamburg etwa eine ganz spezielle Nachtführung mit Krimi-Handlung – um nur eines von zahlreichen Beispielen zu nennen.

Ein Dorf als Theaterstück

Man kann aber auch eigens ein Dorf bauen, um über mehrere Tage Theater zu spielen. Genau das machte man nämlich für die Installations-Performance „Die Erscheinungen der Martha Rubin“ von Signa Sørensen und Arthur Kostler. Auf dem Berliner Theatertreffen 2008 wurde ein Teil vom Natur-Park Schöneberger Südgelände zu einem hermetisch abgeriegelten Dorf umfunktioniert, wo dann drei Tage lang das Stück interaktiv ohne Pause stattfand. Statt einer Eintrittskarte bekam man als Theaterbesucher an der Kasse ein Visum, mit dem man für zwölf Stunden das Dorf betreten konnte. Man konnte dem Gezeigten einfach nur zuschauen, hatte als Gast aber auch die Möglichkeit, aktiv in das Geschehen einzugreifen und die Handlung dementsprechend zu beeinflussen. Das war vor allem für die Schauspieler eine enorme physische und psychische Herausforderung.

Picasso in der Uni-Mensa

Wie man sieht, sind dem Theater also keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, wo es stattzufinden hat. Das haben sich 2003 auch einige Studenten der Universität Bayreuth gedacht, die während der Mensa-Stoßzeit inmitten all der hungrigen Menschen ein vier Quadratmeter großes Podest aufbauten und den Einakter „Wie man Wünsche beim Schwanz packt“ von Pablo Picasso aufführten. Der gesprochene Text war im Mittagsgemurmel kaum zu verstehen, weswegen sich Interessierte dicht an die improvisierte Bühne drängen mussten, um dem Stück folgen zu können.

Die ganze Welt ist eine Bühne

All diese Beispiele belegen, dass man Theater eigentlich zu jeder Zeit an jedem Ort in jeder Situation spielen kann. Und damit die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, Aktionskunst, Improvisation und bewusster Inszenierung nicht verschwimmen, braucht man eigentlich nur zwei Dinge: eine gute Idee und ein durchdachtes Konzept. Und plötzlich kann dann aus der ganzen Welt eine Bühne werden. Eben so, wie Shakespeare es schon gesagt hat.

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